Viele Menschen treibt im Alter die Sorge um, pflegebedürftig zu werden und fremde Hilfe für die Seniorenbetreuung und altersgerechte Haushaltshilfe zu benötigen. Eine Seniorenbetreuung oder Haushaltshilfe in Anspruch zu nehmen, fällt erst einmal schwer, hat man doch früher „alles selbst geschafft“. Dazu kommt die Angst, die notwendige Hauswirtschaft oder Pflege nicht finanzieren zu können. Die Pflegeversicherung bietet eine Vielzahl an Leistungen. Vom Entlastungsbetraq mit 125 Euro bis zum Pflegegeld, den Pflegesachleistungen und der Verhinderungspflege – es gibt mehrere Budgets, die jeder Pflegebedürftige nutzen und kombinieren kann, um sich zuhause regelmäßig pflegen zu lassen. Für eine einfühlsame Haushaltshilfe, eine Seniorenbetreuung im Alltag oder die Hilfe bei der Körperpflege im eigenen Zuhause.

Doch was ist, wenn das Geld trotzdem nicht reicht? Müssen dann die eigenen Kinder oder andere Familienmitglieder zahlen, damit die Pflege gesichert ist?

Kinder sind grundsätzlich verpflichtet, im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten für den Unterhalt der Eltern zu sorgen. Und es kommt häufig vor, dass die Kosten für einen Platz im Pflegeheim so hoch sind, dass Pflegeversicherung und Rente nicht ausreichen. Für die Pflegekosten zahlt dann zwar der Sozialhilfeträger. Er fordert das Geld von den Kindern des Pflegebedürftigen aber zurück. Sobald das Sozialamt also Kosten für die Pflege übernimmt, wird geprüft, ob die Kinder des pflegebedürftigen Elternteils in der Lage sind, sich an diesen Kosten zu beteiligen. Sie sind dann unterhaltspflichtig gegenüber ihren pflegebedürftigen Eltern.

In der Pflege müssen die Kinder den eigenen Unterhalt für die Familie sicherstellen. Eine Unterhaltspflicht gegenüber pflegebedürftigen Eltern kommt erst in Frage, wenn nach Berücksichtigung der eigenen Kosten noch finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, ohne den angemessenen Lebensunterhalt der unterhaltspflichtigen Kinder zu gefährden.

Nun soll nach dem Willen der Bundesregierung die Unterhaltspflicht in der Pflege nur noch ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro zum Tragen kommen. Ist das ein richtiger Schritt? Sicherlich ist es richtig, dass die Pflege nicht allein den Familien aufgebürdet wird. Pflegende Angehörige leisten unabhängig von der finanziellen Situation Entscheidendes, damit pflegebedürftige Menschen selbstbestimmt im eigenen Zuhause leben können. Unterstützt werden Sie darin von Betreuungs- und Pflegediensten, die eine sorgsame Seniorenbetreuung und Haushaltshilfe anbieten. Doch irgendwann kommt häufig auch der Schritt, dass die pflegebedürftigen Eltern nicht mehr zuhause leben können. Dann steht ein Pflegeheim an. Und das ist deutlich teurer als die Betreuung zuhause, die ja sehr stark von den pflegenden Angehörigen geschultert wird. Dieselben Angehörigen, die sich vielleicht aufopfernd gekümmert haben, müssen dann häufig zu den Kosten für den teuren Heimplatz der Eltern oder eines Elternteils beitragen. Das kann im Einzelfall ungerecht sein. Und deshalb ist es richtig, dass die Pflege noch stärker als bisher eine Aufgabe der gemeinwohlorientieren Gesellschaft ist und Gerechtigkeitslücken geschlossen werden. Umgekehrt leistet die Allgemeinheit schon viel, wenn die Rente nicht für die Pflegekosten reicht oder die Kinder nicht die Mittel haben, um ihre Eltern im Pflegefall finanziell zu unterstützen. Hier bietet das Sozialamt die Hilfe zur Pflege. Aber auch diese Leistung hat den Nachteil, dass sie eine Sozialleistung ist, die betroffene pflegebedürftige Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet und viel für die Familie geleistet haben, als beschämend empfinden.

Deshalb sollte überlegt werden, dass Pflege zuhause, die Unterbringung im Pflegeheim, eine regelmäßige, professionelle Seniorenbetreuung und die Haushaltshilfe im Alter stärker als bisher durch die Allgemeinheit finanziell gestützt werden.

Richtig ist: Die Pflege kann genauso wenig wie die Krankenversicherung dem Vollkasko-Prinzip folgen. Aber sie sollte angesichts der demografischen Entwicklung der Gesellschaft stärkeres Gewicht im Sinne einer allgemeinen sozialen Aufgabe bekommen. Wir kümmern uns ja auch um die Förderung kleiner Kinder und junger Familien, wenn zum Beispiel Gebühren für die Kindertagesbetreuung oder das Mittagessen im Kindergarten oder in der Ganztagsschule abgeschafft werden. Natürlich lässt sich beides nicht einfach miteinander vergleichen. Aber es hat schon einen wahren Kern, dass in manchen Fällen bei den alten Menschen zu wenig geholfen wird. Für die Senioren, die so viel im Leben geleistet haben, wird es zunehmend schwer, die Pflege auch finanziell zu meistern. Familien brauchen daher Entlastung. Pflegende Angehörige brauchen Entlastung. Deshalb ist es gut, dass sich die Leistungen der Pflegeversicherung in den letzten Jahren deutlich verbessert haben. Den Anbietern von Pflege- und Betreuungsleistungen sollte indes das Geschäft nicht schwer gemacht werden. Sie verdienen nicht einfach nur Geld, sondern leisten mit ihrem Geschäft eine wichtige soziale Aufgabe und sollten sich dessen auch jeden Tag bewusst sein. Eine verlässliche, gute Seniorenbetreuung gibt es nicht zum Nulltarif. Auch das sollten wir uns gesellschaftlich vor Augen führen. Und jeder von uns wird irgendwann in der Situation sein, im Alter Hilfe zu benötigen. Nicht nur durch die eigene Familie, auch durch eine professionelle Seniorenbetreuung oder eine Haushaltspflege. Mit ehrenamtlichen Strukturen und Einzelprojekten lässt sich diese große Aufgabe der Altersgesellschaft nicht lösen.

Es ist selbstverständlich, dass Eltern und Kinder füreinander einstehen. Zusätzliche Kosten für die Pflege können nicht allein die Städte und Kommunen stemmen. Wichtig ist es, die Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzuerkennen. Und deshalb sollten pflegende Angehörige auch in Zukunft nicht über Gebühr finanziell belastet werden. Aus Gründen der Anerkennung ihrer Leistungen, und aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit.